Respektlose Brandstifterin
Katharina Herbs Opernkabarett im Gostner Hoftheater

Nürnberger Nachrichten, 18.12.2009

"400 Jahre Sex in der Oper" - darüber hatte Katharina Herb, ihres Zeichens seriös ausgebildete Mezzosopranistin mit Humor und einem Faible fürs Firvole, schon in ihrem allerersten Operkabarett-Programm reflektiert. Das Thema scheint sie nach wie vor zu beschäftigen, denn auch ihr neuestes, viertes Solo, das nun im Gostner Hoftheater Nürnberg-Premiere hatte, trägt diesen Titel. Ist ja unbestritten ein weites Feld, das es da im Namen der leichten Unterhaltung zu beackern gilt.

Los geht´s mit Purcells schauriger "Frost Scene" , zu der die offenherzige Kleinkunst-Diva konsequenterweise einen Strip im Rückwärtsgang einlegt, indem sie sich lasziv leidend von ihrem Techniker erstmal in Robe und Korsage schnüren lässt. Danach ist es nur eine Frage der Zeit, bis die freundliche Plaudertasche den Draht zum dankbaren Publikum gefunden hat - was einige Zuschauer dazu veranlasst, dich mit ihren Kommentaren direkt am Programm zu beteiligen. Soviel Interaktivität kann auch stören.

Ansonsten geht´s im Schweinsgalopp und oberhalb der Gürtellinie durch ausgewählte Opern. Neben Verdies Trovatore und Wagners Ring ist beim erotischen Motto des Abends natürlich Bizets Carmen ("eine promiskuitive schlaue Schlampe") ein Muss. In sämtlichen Rollen: Katharina Herb. Die rafft bei Bedarf die Röcke, motzt Ihr Dekolleté auf, singt mit zartem Schmelz, jagt ihre Stimme in gellende Höhen und zwingt sie in tiefe Abgründe - wenn´s sein muss im Duett. Bei der Rachearie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte punktet sie außer mit gekonnten Koloraturen auch mit intonierter Interpunktion - und erntet nicht nur hier begeisterten Zwischenapplaus.

Dazwischen gibt sie sich als respektlose Brandstifterin und entlarvt die hehren Klassiker beziehungsweise deren Librettisten als literarische Stümper. Schließlich ist Opernkabarett für sie reine Anarchie: "Da kann ich machen, was ich will ! " Gerade desshalb stehe sie nicht auf der Opern-, sondern auf der Kleinkunstbühne. Dass ihr aktuelles Programm so kurz nach der Premiere am ersten Nürnberg-Abend noch nicht ganz rund läuft, macht die Herb durch eine Charme-Offensive wett. Was nicht ist, kann sich ja noch einspielen. bin