Katharina Herb geleitet durch "400 Jahre Sex in der Oper"
Leeres Hirn oben, kochendes Blut unten

Nürnberger Zeitung, 18.12.2009 von Reinhard Kalb

Richard Wagner träumte von der Oper als "Gesamtkunstwerk", das alle Kunstformen (Dichtung, Schauspiel, Malerei und Musik) in sich vereinigt. Eine Muse hatte er vergessen, und die kam nun wie eine furie über ihn: das Kabarett, in gestalt von Katharina Herb. Ihr Schlachtruf: " Walküren - Das sind Frauen mit Brustpanzern und Namen wie Kartoffelsorten!"

Zugegeben: Es ist einfach, sich über Opern lustig zu machen. Hanebüchene Libretti, deren schicksalsgeschürzte Handlungswendungen jedem Seifenopern-Autoren die Schamesröte ins Gesicht treiben; kurze dicke Heldentenöre und weitwogende Wuchtbrummen als romantische Liebespaare; und natürlich die an Hysterie grenzende Singerei, wenn es um die großen Gefühle geht: All dies lässt auch den seriösen Opernfreund gelegentlich ins Programmheft beißen (von Einfällen des Regietheaters ganz abgesehen).

Doch Katharina Herb geht es nicht um Auswüchse des Opernbetriebs, sondern um den puren Kern der Oper, der dann doch meist schamhaft unterschlagen wird: um "400 Jahre Sex in der Oper".

Bitte? Sex? Siegmund und Sieglinde besingen sich in der "Walküre" stundenlang, aber wenn sie zur Zeugung Siegfrieds schreiten, fällt der Vorhang. Carmen verdreht ihrem Don Jose den Kopf, doch den Toro im Bett darf er nicht geben. Und die Königin der Nacht? Hatte die vielleicht mal was mit Sarastro?

Nun, zur Kopulation kommt es auch im Kabarett nicht, da Katharina herb ihr Programm im Gostner Hoftheater als Solo im Schleppenkleid mit Orchestermusik vom Band konzipiert (von kurzen Auftritten ihrer Zofe und Zuschauern abgesehen). Wohl aber zu spannenden Deutungen, Erklärungsversuchen und Neuinterpretationen. Nach kurzem Warmsingen mit Arien von Purcell und Mozart taucht Katharina Herbs Mezosopran kopfüber ins 19. Jahrhundert und bringt pralle Destillate von Bizets "Carmen", verdis "Troubadour" und Wagners "Ring".

Und tatsächlich: so unterschiedlich die Komponisten, Librettisten und ihre Handlungen sind, es geht ihnen allen nur um dieselben elementaren zwei Dinge: um sex und Gewalt, und wie beide zusammengehören. Da wechselt Katharina Herb (Welch sprechnder Name) schon einmal die fronten und schlüpft in die Rolle des Don Jose ("Typisch Mann: Blutstau woanders und nix mehr im Hirn!") Da vereint sie alle vier tragenden Rollen des "Troubadour", bis kein Mensch mehr durchblickt, wer was wie und warum anstellt - aber genauso ist eben die Liebe! Und bei Wagner bleiben bekanntlich am Ende alle auf der Strecke. Bis auf die drei Rheintöchter, die einst die Chose in Gang gebracht hatten.

Herbs Fazit nach 400 Jahren Oper: "Jungfrauen sind nichts wert, wenn sie nicht das Kellerfenster eingerannt bekommen!" Einmal aber bleibt dem rasenden Publikum im Gostner Hoftheater das Lachen im Halse stecken: Die sinistre Feuerarie im "Troubadour", in der die Zigeunerin Azucena vom Feuertod ihrer Mutter, von ihren grausamen Rache und ihrem entsetzlichen Irrtum singt, gerät zu einem Fanal in Schwarz und Rot und Delirium. "Eine wahnsinnige Handlung kann auch nur eine wahnsinnige Musik auffangen", stöhnt Katharina Herb zum Schluss. Tusch für Katharina und Guiseppe! Guiseppe Verdie natürlich.